Seit März 2024 steht das Gebäude der ehemaligen Eichendorffschule an der Neißer Straße eingezäunt da. Der geplante Abriss wurde gestoppt, das Gelände wartet. Im Februar 2026 hat eine Person mit Bezug zur Roten Erde einen Bürgerantrag gestellt, der die ganze Debatte neu öffnet. Inzwischen hat die Politik einen klaren Schritt unternommen. Wir haben die zentralen Vorlagen ausgewertet und mit der Stadt und der FDP gesprochen.
Eine Bauruine im Beckumer Westen
Wer in der Roten Erde wohnt, kennt das Bild seit über zwei Jahren: hoher Bauzaun, leeres Schulgebäude, kein Fortschritt. Anfang Februar 2024 hatte die Stadt den Auftrag zum Abriss vergeben. Die Arbeiten liefen zunächst an, dann stellte das beauftragte Unternehmen Nachträge, die nach Einschätzung der Verwaltung und des begleitenden Fachbüros „in vielen Positionen nicht nachvollziehbar und/oder überteuert" waren. Das geht aus der Beschlussvorlage 2026/0067 hervor.
Die Arbeiten wurden unterbrochen, Verhandlungen scheiterten, im Februar 2025 kündigte die Stadt den Vertrag. Eine neue Ausschreibung wurde vorbereitet, ein Fachbüro beauftragt. Wegen personeller Engpässe konnte die Maßnahme zunächst nicht wieder aufgegriffen werden. Inzwischen liegt das Leistungsverzeichnis vor, und der Abriss könnte erneut ausgeschrieben werden. Bisher sind laut Vorlage rund 207.500 Euro an Aufträgen erteilt worden, davon wurden 76.500 Euro für tatsächlich erbrachte Leistungen bezahlt.
Ein Bürgerantrag mit Substanz
Am 21. Februar 2026 trifft ein Antrag nach § 24 der Gemeindeordnung NRW im Rathaus ein. Eine Person mit familiärem Bezug zur Roten Erde bittet darin, die Nachnutzung des Grundstücks „im Rahmen einer ganzheitlichen Schul- und Quartiersentwicklung" zu prüfen. Insbesondere geht es um die Frage, ob der Eichendorff-Standort für einen möglichen Neubau der Martinschule geeignet wäre.
Der Antrag ist deutlich mehr als eine Idee. Auf mehreren Seiten werden zehn Punkte sauber durchargumentiert. Ein zentrales Argument: Bei einem Martinschul-Neubau am bisherigen Standort wäre laut Machbarkeitsstudie eine Containerschule für die Übergangszeit nötig, deren Kosten mit über zwei Millionen Euro veranschlagt sind. Bei einem Neubau am Eichendorff-Standort könnte diese Containerlösung ganz oder teilweise entfallen, weil das alte Gebäude ohnehin abgerissen werden soll und die Martinschule während der Bauphase an ihrem alten Standort weiter arbeiten könnte.
Ein zweites Argument betrifft das städtebauliche Potenzial. Wenn die Martinschule an einen neuen Standort zieht, könnte am bisherigen Standort eine Entwicklungsfläche frei werden, beispielsweise für Wohnraum in zentraler Lage. Damit könnte zudem die laut Antrag „problematische Verkehrssituation im Martinsviertel" entlastet werden. Es geht ausdrücklich nicht um zusätzliche Flächenversiegelung, beide Grundstücke sind bereits erschlossen.
Wichtig ist im Antrag auch die Sporthalle der ehemaligen Eichendorffschule. Diese wird als „außerordentlich wichtiger Treffpunkt für die Vereine in Beckum" beschrieben. Bei einer Veräußerung des Grundstücks bestehe das Risiko, dass dieser Raum für das gesellschaftliche Miteinander verloren geht. Bei einem Schulneubau dagegen könnte die Halle saniert oder neu errichtet werden.
Bemerkenswert ist die Tonalität des Antrags. Es geht laut Verfasserin oder Verfasser ausdrücklich „nicht darum, eine fertige Lösung durchzudrücken", sondern darum, dass eine aus Sicht der antragstellenden Person naheliegende Variante vor einer endgültigen Entscheidung sorgfältig geprüft wird.
Zwei Lager im Rat
Während der Bürgerantrag in den politischen Beratungsgang ging, lagen im Februar 2026 schon zwei Fraktionsanträge auf dem Tisch, die in entgegengesetzte Richtungen zielen.
CDU, FWG und FDP beantragten am 3. Februar, die für den Abriss vorgesehenen Mittel nicht im Haushalt zu veranschlagen, sondern stattdessen zu prüfen, ob ein Verkauf der Liegenschaft an einen privaten Investor im Zuge einer Wohnbauentwicklung wirtschaftlich sinnvoller wäre. Die Verwaltung solle Planungsrecht für eine Wohnnutzung schaffen.
SPD und Bündnis 90/Die Grünen beantragten neun Tage später das genaue Gegenteil. Über die künftige Nutzung solle in der Arbeitsgruppe zu kommunalen Finanzen beraten werden. Der Rückbau des Schulgebäudes solle aber „mit Nachdruck vorangetrieben" werden. Beide Anträge sind in der Beschlussvorlage 2026/0067 zusammengefasst, die der Haupt-, Finanz- und Digitalausschuss am 24. Februar 2026 beraten hat.
Die FDP positioniert sich öffentlich
Eine besondere Sichtbarkeit hat das Thema durch die FDP bekommen. Fraktionsvorsitzender Timo Przybylak hatte das Eichendorff-Gelände bereits in seiner Haushaltsrede am 5. März 2026 ausdrücklich als Wohnbaufläche thematisiert und damit die Diskussion in die Öffentlichkeit gebracht. Auf unsere Anfrage hin erläutert er die Position seiner Fraktion noch einmal.
Hintergrund sei die Machbarkeitsstudie zur Martinschule mit drei Varianten. „Variante 1 mit einem Umbau im Bestand würde nach den Planungen 24 Mio. Euro kosten und ein Neubau mindestens 33 Mio.", sagt Przybylak. Die FDP habe sich für den Umbau im Bestand ausgesprochen. Für das Eichendorff-Gelände wünscht sich die Fraktion eine Wohnnutzung über einen privaten Investor, ähnlich wie es in Neubeckum bereits umgesetzt wurde. Vorgesehen sind aus FDP-Sicht Einfamilien- und mögliche Reihenhäuser, die sich in die Strukturen der Roten Erde einfügen.
Den Bürgerantrag bewertet Przybylak vorsichtig zustimmend, aber inhaltlich abwartend. „Als FDP freuen wir uns generell über jede Bürgeranregung, das ist gelebte Demokratie vor Ort." Eine Bewertung der Variante Schulneubau auf dem Eichendorff-Gelände sei erst nach der von der Politik beauftragten Untersuchung der Schülerströme möglich.
Was die Verwaltung empfiehlt
Die Position der Stadtverwaltung ist differenziert. Auf der einen Seite empfiehlt sie, den Rückbau der Bauruine zeitnah anzugehen, „damit an dieser zentralen Stelle in der Roten Erde kein städtebaulicher Missstand mit etwaigen negativen Begleiterscheinungen entsteht". Auf der anderen Seite warnt sie ausdrücklich vor einer übereilten Wohnnutzung.
Auf Anfrage erklärt Sandra Berges, Pressesprecherin der Stadt Beckum: „Aus Sicht der Verwaltung sollte das Wohnbaupotenzial der ehemaligen Eichendorffschule nicht in Konkurrenz zu den bereits verfügbaren Bauplätzen in vorhandenen Baugebieten beziehungsweise den großmaßstäblichen, mit höherer Priorität verfolgten Wohnbauprojekten im Stadtteil Beckum entwickelt werden, insbesondere dem Baugebiet An der Steinbruchallee." Die aktuelle Lage in der Immobilienwirtschaft erfordere „ein umsichtiges Agieren".
Zudem empfiehlt die Verwaltung, die Nachnutzung nicht isoliert zu betrachten, sondern „im Kontext einer ganzheitlichen Quartiersentwicklung", also einschließlich Verkehr und Infrastruktur. Die hierfür benötigten Ressourcen stehen laut Berges derzeit nicht zur Verfügung, sind aber im Arbeitsprogramm der Stadtentwicklung mittelfristig eingeplant. Im internen Prioritätenkatalog steht das Eichendorff-Gelände aktuell an Position 49 von vielen Projekten in der Prioritätsstufe 4.
Die Politik handelt einstimmig
In der Ratssitzung am 5. März 2026 wurde der Bürgerantrag offiziell behandelt. Alle 44 anwesenden Ratsmitglieder, einschließlich Bürgermeister Michael Gerdhenrich und Vertretungen von CDU, SPD, Grünen, FWG, FDP und Linke, stimmten ohne Gegenstimme dafür, den Antrag zur weiteren Beratung an den Schul-, Kultur- und Sportausschuss zu verweisen.
Knapp zweieinhalb Monate später, am 19. Mai 2026, befasste sich der Schul-, Kultur- und Sportausschuss mit dem Antrag. Die Verwaltung hatte bereits eine interne Schülerzahl-Betrachtung vorgenommen. Das Ergebnis: Die Schülerströme verteilen sich nach aktuellem Stand „in etwa gleich auf die beiden möglichen Standorte", also Martinschule und Eichendorff-Gelände. Die alte Schulentwicklungsplanung aus dem Jahr 2018 sei veraltet und keine Grundlage mehr.
Der Ausschuss hat daraufhin einstimmig die Verwaltung beauftragt, einen Neubau auf dem Eichendorff-Gelände als Option ernsthaft zu prüfen.
Wie es weitergeht
Damit ist klar: Der Bürgerantrag wird nicht nur formal abgehakt, sondern hat tatsächlich Bewegung erzeugt. Die Variante eines Martinschul-Neubaus auf dem Eichendorff-Gelände wird jetzt von der Verwaltung geprüft. Dass die Schülerströme nach erster Verwaltungs-Einschätzung etwa gleich verteilt sind, spricht eher für eine Standort-Eignung des Eichendorff-Geländes als dagegen.
Strittig bleiben die zwei großen Pfade. Wohnbaugebiet mit privatem Investor, wie es CDU, FWG und FDP vorschlagen. Oder eine ganzheitliche Schul- und Quartiersentwicklung, wie sie der Bürgerantrag und tendenziell auch die Verwaltung favorisieren. In der nächsten SKS-Sitzung im Herbst dürfte sich entscheiden, in welche Richtung es konkret weitergeht.
Was bis dahin sicher ist: Der Bauzaun an der Neißer Straße bleibt stehen, das Gelände wartet weiter auf seine Zukunft. Aber zum ersten Mal seit März 2024 gibt es einen klaren politischen Auftrag, eine konkrete Alternative zu prüfen.





