3. September 2025 / Politik

Beckumer Podiumsdiskussion im Filou begeistert das Publikum

Demokratie zum Anfassen!

Gut zwei Wochen vor der Bürgermeisterwahl haben die vier Kandidierenden am Dienstagabend, dem 2. September, im Beckumer Stadttheater – diesmal in den Räumen der Kulturinitiative Filou – die Gelegenheit genutzt, ihre Visionen und Programme vorzustellen. Rund zwei Stunden lang standen jedoch weniger Wahlkampfparolen, sondern vielmehr die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt.

Der Moderator Dieter van Stephaudt führte souverän durch den Abend, den er mit Humor und einem kritischen Blick gestaltete. Van Stephaudt hatte im Vorfeld alle Wahlprogramme gelesen, gehört keiner Partei an und hatte bereits gewählt, um möglichst neutral aufzutreten. Der Saal war gut gefüllt und zeigte deutlich: Die Beckumerinnen und Beckumer interessieren sich für ihre Stadt, für Demokratie und für die Zukunft vor Ort.

Ein persönlicher Start

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde sollten sich die Kandidierenden gegenseitig loben. Elisabeth Eickmeier würdigte Thomas Lorants Beratungskunst und seinen Laden. Michael Gerdhenrich hob Eickmeiers Bürgernähe hervor, Lorant lobte Nicolas van Kevelaer als „ehrlich und sympathisch“, während dieser Gerdhenrichs Einsatz in den vergangenen Jahren schätzte.

Moderation mit Provokation

Der Moderator scheute sich nicht, kritische Fragen zu stellen und die Kandidierenden zu klaren Positionierungen zu bewegen. Michael Gerdhenrich musste sich etwa fragen lassen, wie weit seine „Parteilosigkeit“ tatsächlich reiche, da er von den Grünen und der SPD unterstützt wird. Gerdhenrich erklärte, er habe in seiner Amtszeit stets „breite Mehrheiten“ im Stadtrat geschaffen und Zusammenarbeit angeboten, die von manchen Parteien jedoch nicht gewünscht gewesen sei.

Nicolas van Kevelaer wurde auf eine frühere Äußerung angesprochen, ob er AfD und Linke gleichsetze. Er stellte klar, dass Probleme „aus der Mitte der Gesellschaft“ gelöst werden müssten, und äußerte sich erleichtert, dass die AfD im Beckumer Rat keine Rolle spiele. Elisabeth Eickmeier berichtete auf Nachfrage, dass sie in sozialen Medien wie TikTok zunächst mehr von ihrer Person zeigen wolle, „danach dann die politischen Inhalte“, um gerade Jugendliche besser zu erreichen. Thomas Lorant erklärte auf eine Frage zu seinem Slogan „Thomas Lorant macht das“, dass es nicht um Einzelkämpfertum gehe, sondern um das Arbeiten im Team mit der Fraktion.

Kinderbetreuung und Bildung im Fokus

Im ersten Themenblock ging es um Kinderbetreuung, Schulen und Bildungschancen. Van Stephaudt wies auf alarmierende Zahlen hin: Rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland verfügten über ein sehr niedriges Lese- und Sprachniveau – eine Entwicklung, die nicht allein auf Migration zurückzuführen sei.

Elisabeth Eickmeier betonte, dass Schulen und Kitas gut ausgestattet sein müssten. Die Budgets für „Sanierung und Neubau“ müssen eingehalten werden. Die Beiträge für die Kinderbetreuung dürften nicht weiter ansteigen, denn wir dürfen unsere Familien nicht noch mehr belasten, so Eickmeier. Nicolas van Kevelaer berichtete von eigenen Erfahrungen: Sein Kind habe keinen Kitaplatz bekommen, was im ersten Moment sein „Kartenhaus zusammenbrechen“ ließ. Lösungen dürften nicht im Familienhaus gesucht werden, sondern benötigten verlässliche und flexible Partner zur Unterstützung. Amtsinhaber Michael Gerdhenrich verwies auf Projekte bis 2030, geplante Sanierungen und Neubauten in Beckum und Neubeckum sowie politische Mehrheiten für solche Investitionen. Thomas Lorant plädierte dafür, bei Ausgaben genau hinzusehen und erinnerte an die Debatte um die Holzfassade an der Sonnenschule: Man müsse „auf jeden Euro achten“ und Visionen nur schrittweise umsetzen.

Das Publikum nutzte diese Runde intensiv. Ein Bürger fragte, wie Kitas als Bildungsstätten gestärkt werden könnten, und eine Frau wies auf Kinderarmut hin, da viele Familien von weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens leben. Elisabeth Eickmeier betonte die Bedeutung kostengünstiger Sportvereine wie des TV Beckum oder lokaler Fußballvereine als Integrationsmotor. Michael Gerdhenrich ergänzte, dass jedes Kind künftig zum vierten Geburtstag eine kostenlose Jahresmitgliedschaft in einem Verein erhalten solle. Eine weitere Idee eines Beckumer Bürgers: Die kostenlose Vereinsmitgliedschaft für Kinder ab vier Jahren auch auf Musikschulen auszuweiten – Gerdhenrich zeigte sich offen dafür.

Soziales, Integration und Migration

Der zweite Themenblock griff die Vielfalt in Beckum auf. Elisabeth Eickmeier plädierte für feste Strukturen zur Integration über Sportvereine, Volkshochschule und Mütterzentrum sowie für zentrale Anlaufstellen, an denen Hilfe und Beratung angeboten werden. Nicolas van Kevelaer formulierte: „Integration heißt voneinander lernen, miteinander leben.“ Michael Gerdhenrich unterschied klar zwischen Migration und Integration und hob hervor, dass rund 600 Menschen aus der Ukraine in Beckum gemeldet seien, rund 150 durch die Stadt Beckum eine Unterbringung gefunden haben. Thomas Lorant schlug freiwillige Arbeitseinsätze für Migranten vor, etwa im Grünflächenamt.

Das Gespräch weitete sich auf Senioren und Jugendliche aus. Nicolas van Kevelaer präsentierte Ideen wie Mitfahr-Apps zur Mobilitätssteigerung und Maßnahmen gegen Vereinsamung. Michael Gerdhenrich verwies auf Beratungsprojekte in Zusammenarbeit mit dem Kreis Warendorf. Thomas Lorant forderte: „Barrierefrei durchs Leben gehen können.“ Elisabeth Eickmeier plädierte für mehr Parkplätze und abgesenkte Bordsteine – Dieter van Stephaudt kommentierte trocken: „Parkplatz als Seniorenhilfe – interessanter Ansatz.“

Jugendthemen bestimmten ebenfalls die Runde. Van Kevelaer stellte das Format „Sag was“ vor, das Jugendliche mit Snacks und Getränken zu Diskussionen einlädt. Lorant lobte den Phoenix Park, schlug Übungsräume für Bands vor, verwies jedoch erneut auf die schwierige Haushaltslage. Gerdhenrich betonte die Vielfalt an Sportmöglichkeiten und die Bibliotheken, deren Infrastruktur derzeit ausgebaut werde. Eickmeier forderte: "Mehr Bolzplätze – mehr Freiraum für Kinder.
Auch außerhalb der Kita braucht es Platz zum Spielen, damit Kinder sich frei und sicher bewegen können."

Wirtschaft: Streitpunkt Gewerbesteuer und Flächen

Der dritte Block zeigte, wie kontrovers die wirtschaftliche Entwicklung Beckums diskutiert wird. Lorant erklärte: „Ohne Wirtschaft können wir hier nichts bewegen“, lehnte jedoch Steuererhöhungen ab. Michael Gerdhenrich verwies auf zahlreiche Unternehmensbesuche sowie auf die Entwicklung und Notwendigkeit neuer Gewerbeflächen, während Nicolas van Kevelaer ein aktives Standortmarketing und bessere Rahmenbedingungen forderte, um Abwanderung zu verhindern.

Elisabeth Eickmeier kritisierte die mangelnde Kommunikation zwischen Stadt und Betrieben. Gerdhenrich entgegnete, dass eine Umfrage 2019 noch Kommunikationsprobleme gezeigt habe, sich die Lage aber durch intensive Gespräche deutlich verbessert habe. Auch der Bedarf an Tauschflächen und der Wettbewerb um Ansiedlungen wie beim Edeka-Zentrallager wurden lebhaft diskutiert. „Wir sind im Wettbewerb und das müssen wir nutzen“, betonte Lorant.

Freizeit und Kultur: Ehrenamt als Rückgrat

Passend zum Veranstaltungsort Filou ging es im letzten Themenblock um Kulturförderung. Elisabeth Eickmeier sprach sich klar für das Filou aus: „Man kann Beschlossenes auch noch optimieren.“ Lorant betonte, wie sehr die Angebote von den Beckumerinnen und Beckumern angenommen würden. Van Kevelaer plädierte für eine stärkere Unterstützung des Ehrenamts und von Koordinatoren, um langfristig kulturelle Qualität zu sichern. Gerdhenrich verwies auf Investitionen und Schutzkonzepte, warnte aber vor stagnierenden Besucherzahlen wie zuletzt bei der „Frischluftkultur“.

Aus dem Publikum kam die Forderung nach mehr Parkplätzen in der Nähe des Filou. Gerdhenrich stellte klar, dass ehemalige Parkplätze auf Privatgrund nicht in städtischer Verantwortung lägen.

Hitzige Diskussion um Wahlkampfstil

Für eine kurze Schärfe in der Diskussion sorgte ein Wortbeitrag zu persönlichen Angriffen im Wahlkampf. Michael Gerdhenrich kritisierte, dass Politik nicht durch das Schlechtmachen andere geführt werden dürfe, ebenso wenig wie durch das Darsteller falsche Fakten. Er wolle stattdessen das tun, „was ich den ganzen Wahlkampf über mache – Aussagen richtig stellen!“ Seine Haltung unterstrich den Anspruch, in der politischen Auseinandersetzung sachlich zu bleiben und konstruktiv zu arbeiten.

Schlussrunde: Wer führt Beckum ab September?

Zum Abschluss stellten sich alle Kandidierenden, abgesehen von dem Amtsträger, der Frage, warum sie Bürgermeister*in werden wollen und was ihre ersten Schritte wären. Elisabeth Eickmeier hob ihre Erfahrung im Umgang mit Finanzen und Kommunikation hervor. Nicolas van Kevelaer will Beckum „zusammenbringen“ und die drei Kernbereiche Führung, Verwaltung und Repräsentation neu ausrichten. Thomas Lorant betonte seine Nähe zu den Menschen und den Wunsch, im Rathaus eine Kultur der Unterstützung zu schaffen. Michael Gerdhenrich als Amtsträger verwies auf seine bisherige Bilanz: „Viel geschafft, noch mehr zu tun.“

Jede bzw. jeder warb abschließend für sich und den Wahltermin am 14. September. Eickmeier nannte Beckum ihr Zuhause und möchte die Stadt weiterentwickeln. Van Kevelaer sagte: „Beckum jetzt für morgen denken“ – Kinder sollten in 20 Jahren sagen können, dass dies die richtige Entscheidung war. Lorant stellte Sicherheit und Wirtschaftsförderung in den Vordergrund, Gerdhenrich will auf seinen Erfolgen aufbauen und weiter investieren.

Der Abend im Filou war keine klassische Wahlkampfschau, sondern ein Abend, der Platz für alle Anliegen und Diskussionen bot. Die Bürgerinnen und Bürger nutzten ihre Chance, nachzufragen, zu kritisieren und zuzuhören – und damit mal wieder zu zeigen, dass Demokratie vom Dialog lebt.

Text und Bilder: Lina Mance

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