31. Mai 2026 / Lokales

Vier Monate, ein Rucksack und die Frage, was wir wirklich zum Leben brauchen

Elisa Mense und Alina Schweikart aus Beckum zwischen Erlebnissen, Herausforderungen und unvergesslichen Momenten in Südostasien

Was passiert, wenn man nach dem Abitur nicht sofort den nächsten Schritt geht, sondern sich bewusst für das Ungewisse entscheidet? Was, wenn man dabei Sicherheit gegen Spontaneität eintauscht, gewohnte Strukturen hinter sich lässt und stattdessen einfach nur mit einem einzigen Rucksack aufbricht? Für Elisa Mense und Alina Schweikart aus Beckum wird genau diese Überlegung zur Realität. Als sie am 8. Oktober 2025 ihre Reise am Flughafen in Frankfurt beginnen, weiß keine der Beiden genau, was sie wirklich erwartet. Ihr einziger Wunsch: Die Welt zu sehen, bevor ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Vier Monate später blicken sie auf eine Zeit zurück, die sich für sie kaum in Worte fassen lässt, weil sie, wie Alina beschreibt, „so unglaublich viel erlebt [haben] wie sonst in Jahren". Dabei haben sie Erfahrungen gesammelt, die weit über alles hinausgehen, was sie zu Beginn erwartet hätten.

Zwischen Aufbruch und Abschied

Die Entscheidung für diese Reise wächst bei beiden nicht von heute auf morgen, sondern steht schon seit längerer Zeit. Für Alina steht früh fest, dass sie nach dem Abitur unbedingt reisen möchte, weil auch sie nicht weiß, wann sich eine solche Gelegenheit im Leben noch einmal ergeben wird. Auch Elisa beschreibt, dass irgendwann einfach der Moment kam, an dem klar war, dass jetzt genau die Zeit dafür ist.

Trotz aller Vorfreude ist der Abschied am Flughafen alles andere als leicht. Zwischen dem Gefühl von Aufbruch und Unsicherheit erinnern sich die beiden daran, wie sie beide weinen mussten und trotzdem genau wussten, dass sie sich bewusst für diesen Weg entschieden haben. Für sie selbst fühlt sich dieser Augenblick an wie ein „lachendes und ein weinendes Auge" zugleich.

Damit dieser Schritt überhaupt möglich wird, spielt auch die Finanzierung eine wichtige Rolle. Beide haben über längere Zeit Geld angespart und sich die Reise bewusst selbst ermöglicht, gleichzeitig werden sie aber auch von ihren Familien unterstützt – sei es durch monatliche Beiträge, Übernahme von Flügen oder anderen Kosten.

Ein Plan, der keiner bleibt

Die Route ihrer Reise wirkt auf den ersten Blick durchdacht, doch hinter dieser Planung steckt weniger Perfektion als vielmehr das große Talent der Spontanität. Von Frankfurt aus geht es über Oman und Malaysia nach Indonesien, wo sie die ersten zwei Monate verbringen, bevor sie weiter nach Thailand, Malaysia, Singapur und schließlich auf die Philippinen reisen. Während sie sich zwar an äußeren Faktoren wie Visabestimmungen und Regenzeiten orientieren, lassen sie gleichzeitig vieles bewusst offen. Insgesamt erzählen beide, dass sich ihre Route stetig änderte. Egal, ob sie Orte auslassen, spontan länger bleiben oder neue Ziele hinzufügen, genau diese Offenheit wird für sie unterwegs zu einer der wichtigsten Erfahrungen überhaupt.

Ankommen in einer anderen Realität

All diese Überlegungen treten in den Hintergrund, als sie nach über 30 Stunden Anreise auf Bali ankommen und zum ersten Mal wirklich spüren, was es bedeutet, in einer völlig neuen Welt zu sein. Schon die ersten Stunden in Bali werden für beide zum Kulturschock, denn plötzlich stehen die Beiden mitten im lauten, chaotischen Trubel des Flughafens. „Wir waren einfach nur müde und komplett reizüberflutet", erzählt Alina. Besonders eindrücklich bleibt ihr aber nicht nur das Chaos, sondern vor allem die Offenheit der Menschen vor Ort. „Ich hab noch nie erlebt, dass Menschen so hilfsbereit und offen sind."

Mit der Zeit sind es jedoch nicht nur diese ersten Eindrücke, die ihre Reise prägen, sondern vor allem die Gegensätze, denen sie begegnen. Auf der einen Seite stehen Landschaften und Erlebnisse, die fast unwirklich erscheinen, auf der anderen Seite Realitäten, die sie so nicht erwartet hätten. Besonders auf Lombok werden sie mit Müllbergen und offenen Müllverbrennungen konfrontiert, was für beide „erschreckend" ist und ihren Blick auf die Welt langfristig verändert.

Zwischen Traum und Herausforderung

Zwischen all diesen Eindrücken entstehen Momente, die für sie unvergesslich bleiben. Ein zentraler Bestandteil ist für beide die Komodo-Tour in Indonesien, bei der sie mehrere Tage mit anderen Reisenden auf engem Raum auf einem Boot verbringen. Privatsphäre gibt es dort kaum, dafür entsteht innerhalb kürzester Zeit ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Elisa beschreibt diese Erfahrung als etwas ganz Besonderes: „Wir kannten vorher niemanden, aber am Ende waren wir wie eine richtige Gruppe. Man hat so viel zusammen erlebt und ist irgendwie total schnell zusammengewachsen."

In Alinas Gedächtnis hat sich besonders der Moment eingebrannt, als sie beim Schnorcheln plötzlich von mehreren Walhaien umgeben ist. Dieses Erlebnis sei für sie „einfach unbeschreiblich krass" gewesen. Überhaupt spielt die Unterwasserwelt während der Reise für beide eine große Rolle. In Thailand machen Elisa und Alina gemeinsam ihren Tauchschein und entdecken das Tauchen völlig neu für sich. Besonders die farbenreiche Unterwasserwelt der Philippinen und Thailands bleibt ihnen dabei in Erinnerung. „Tauchen haben wir richtig für uns entdeckt", erzählt Alina. „Diese Unterwasserwelt dort ist einfach unbeschreiblich."

Doch so besonders viele dieser Momente auch sind, ihre Reise besteht nicht nur aus Highlights. Bereits in der ersten Woche werden sie mit einer Herausforderung konfrontiert, die sie an ihre Grenzen bringt. Als beide nach einem Restaurantbesuch eine Lebensmittelvergiftung erleiden, den sogenannten „Bali Belly", erinnert sich Alina daran, wie sie sich in dieser Situation so schlecht gefühlt habe, dass sie nachts ihre Mutter anrief, weil sie „nicht mehr weiter wusste". Dazu kommt die stärker als erwartete Sonneneinstrahlung, die den beiden schmerzhafte Sonnenbrände bereitet.

Auch der Alltag unterwegs fordert sie immer wieder heraus. Zwischen langen Reisetagen, schweren Rucksäcken, Hitze und spontanen Planänderungen beschreibt Alina diese Tage rückblickend als ihren „Endgegner". Heute können beide zwar darüber lachen, vergessen werden diese Momente aber wohl trotzdem nicht so schnell.

Leben aus dem Rucksack

Vier Monate lang tragen sie ihr gesamtes Leben auf dem Rücken. Ihre Rucksäcke wiegen zeitweise bis zu 20 Kilogramm und sie lernen, mit wenig auszukommen. Während sie meist einfache und günstige Unterkünfte wählen, häufig in Hostels oder kleinen Hotels übernachten, bleibt Luxus eher die Ausnahme. Fortbewegung bedeutet für sie vor allem Flexibilität. Zwischen Bussen, Flugzeugen, Tuk-Tuks und Rollern versuchen sie, möglichst unabhängig unterwegs zu sein.

Eine neue Perspektive auf das Leben

Mit der Zeit verändert sich jedoch nicht nur ihr Alltag, sondern auch ihre Sicht auf das eigene Leben. Beide erkennen schnell, wie privilegiert viele Dinge sind, die wir in Deutschland als selbstverständlich wahrnehmen. Alina beschreibt, dass sie durch die Reise gelernt habe, „wie dankbar man eigentlich sein kann". Obwohl Freunde der beide, Elisa und Alina als vom Charakter her so unorganisiert beschreiben, dass eine solche Reise eigentlich nur im Chaos enden könne, zeigt sich unterwegs überraschenderweise genau das Gegenteil. Statt Durcheinander organisieren sie plötzlich ihr komplettes Leben selbst: von Unterkünften und Transport bis hin zu Budgetplanung und spontanen Entscheidungen unterwegs.

Eine Reise, die für immer bleibt

Wenn Elisa und Alina heute auf ihre gemeinsame Reise zurückblicken, fällt es ihnen schwer, all die Monate voller Erfahrungen, Erinnerungen und Herausforderungen in wenigen Worten zusammenzufassen. Für sie war es weit mehr als nur Urlaub. Vielmehr war es eine Zeit, in der sie gelernt haben, über sich hinauszuwachsen, mit ungewohnten Situationen umzugehen und sich auf völlig neue Lebensrealitäten einzulassen.

Für beide steht fest, dass viele Menschen die Vorstellung haben, eine solche Reise bestehe nur aus Leichtigkeit und perfekten Momenten. Ihre Erfahrungen zeigen jedoch, dass genau das nicht der Realität entspricht. Reisen bedeutet auch große Unsicherheit, Erschöpfung und Herausforderungen, worin für sie die wertvollsten Erfahrungen liegen.

Und was würden sie anderen mitgeben, die überlegen, einen ähnlichen Weg zu gehen? Für beide ist klar, dass es Mut braucht, sich auf das Ungewisse einzulassen, dass genau darin aber auch die größte Chance liegt. Denn am Ende, so sagen sie selbst, habe ihnen diese Reise gezeigt, dass oft schon „Mut, Neugier und ein Rucksack ausreichen", um Erfahrungen zu machen, die den eigenen Blick auf die Welt verändern.

Was den beiden bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an viele verschiedene Orte, sondern vor allem die Erkenntnis, dass man oft weniger braucht, als man denkt – und dass genau darin vielleicht das größte Glück liegt.

Text: Lina Mance
Bilder: Alina Schweikart und Elisa Mense

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