2. August 2026 / Aus aller Welt

Stillen nimmt weltweit zu - und könnte noch weiter zulegen

Die Weltgesundheitsorganisation sieht beim Stillen weltweit Fortschritte, doch viele Länder bleiben hinter den Zielen zurück. Eine Studie legt weit verbreitete Irrtümer offen.

In Deutschland wie weltweit empfehlen Fachleute in den ersten sechs Monate nur Brustmilch. (Archivbild)

Der Anteil der Mütter, die ihre Babys stillen, legt weltweit zu. Das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten stieg von rund 37 Prozent im Jahr 2012 auf heute mehr als 47 Prozent, wie es in einer Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesichts der Weltstillwoche heißt. Die Woche wird vom 1. bis 7. August begangen, um das Stillen zu fördern. 

Stillen ist der WHO zufolge eine der einfachsten und wirksamsten Möglichkeiten, die Gesundheit eines Kindes zu schützen. Es versorge Säuglinge und Kleinkinder mit lebenswichtigen Nährstoffen, stärke das Immunsystem, schütze vor schweren Erkrankungen und fördere die kognitive Entwicklung.

Auch Mütter profitierten, denn bei ihnen sinke das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie Typ-2-Diabetes. Durch eine verstärkte Förderung des Stillens könnten jährlich fast 400.000 Todesfälle bei Kindern und rund 140.000 Todesfälle bei Müttern verhindert werden.

Empfehlungen weltweit und in Deutschland leicht unterschiedlich

Die WHO empfiehlt im ersten halben Jahr ausschließliches Stillen, dabei sollte nicht einmal Wasser zusätzlich gegeben werden. Dieser Rat gilt auch in Deutschland. 

Danach kann laut WHO mit Beikost begonnen werden, während die Kinder bis zum Alter von zwei Jahren oder sogar darüber hinaus gestillt werden. In der deutschen Leitlinie heißt es dazu: «Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens zwölf Monate betragen.» Als reifgeboren gelten alle Babys, die nicht als Frühgeburt zur Welt kommen. 

Milchmenge, Schnuller, Milchpumpe

Da die Stillraten in vielen Ländern noch immer hinter den Zielen liegen, hat sich eine gerade erschienene wissenschaftliche Studie angeschaut, mit welchen einfachen Hilfen der Anteil der stillenden Mütter erhöht werden kann. 

Die Fachleute der Sapienza-Universität in Rom kommen zu dem Ergebnis, dass drei weit verbreitete Irrtümer - die auch auf Entbindungsstationen erzählt werden - den Stillerfolg mildern. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal «The Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine».

Erstens denken viele Mütter, dass sie in den Anfangstagen zu wenig Milch produzieren. Das führt laut der Studie dazu, dass vorzeitig Säuglingsnahrung zugefüttert wird. «Unsere Untersuchung legt nahe, dass Kolostrum - die erste, hochkonzentrierte Milch nach der Geburt - in der Regel ausreicht, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken», erklärte Erstautorin Maria Di Chiara, Spezialistin für Neonatologie. Auch die Nationale Stillkommission in Deutschland ist dieser Auffassung.

Hebammen sind anderer Meinung

Der zweite Irrtum ist laut der Studie, von Schnullern in den ersten Lebenswochen abzuraten. «Die Verwendung eines Schnullers verkürzt weder die Stilldauer noch das ausschließliche Stillen», meint Di Chiara anhand der aktuellen Studienlage. Der Deutsche Hebammenverband rät weiter dazu, erst nach vier bis sechs Wochen einen Schnuller in Erwägung zu ziehen. Es könne sonst zu einer «Saugirritation» kommen.

Der dritte Irrtum sei, elektrische Milchpumpen im Wochenbett einzusetzen, um die Milchbildung anzuregen. Die Pumpen sollten in den ersten Tagen nach der Geburt nicht routinemäßig eingesetzt werden, sagt Di Chiara. Falls Milch abgepumpt werden müsse, sei das Abpumpen von Hand die bessere Methode. Für die Analyse haben die Autoren 78 Studien ausgewertet, aus Ländern wie den USA, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko.

«Was mir am meisten aufgefallen ist, war, wie oft gut gemeinte, routinemäßige Ratschläge noch gar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Kleine Veränderungen in diesen ersten drei Tagen könnten für Familien einen echten Unterschied machen», fasst Di Chiara zusammen.

Beim Stillen in Deutschland gibt es seit einem historischen Tiefpunkt zu Anfang der 1970er Jahre einen andauernden Aufwärtstrend. 

Nach Ergebnissen der bundesweiten «Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland» (KiGGS Welle 2; 2014-2017) wurden nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge ausschließlich gestillt, 40 Prozent bekamen bis zum Ende des vierten Lebensmonats ausschließlich Muttermilch.


Bildnachweis: © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
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