29. Februar 2024 / Aus aller Welt

Kein Ende im Streit um Bären im Trentino

Das Trentino macht wieder Schlagzeilen: Die Bären sind in der italienischen Provinz los. Nun soll entschieden werden, was mit «Problembären» passiert. Die Regierung macht einen umstrittenen Vorschlag.

Ein Mitarbeiter des Forstkorps im Trentino untersucht ein Waldstück. Im Trentino leben durch ein erfolgreiches Wiederansiedlungsprojekt wieder Braunbären.

Kaum jemand kennt die Wälder im Trentino so gut wie Matteo Zeni. Wenn der Förster seine Runden durch die bergige Gegend westlich der Provinzhauptstadt Trient im Norden Italiens geht, dann weiß er genau, an welcher Ecke, in welcher Schlucht oder in welcher Höhle sich Bären aufhalten können. Das Trentino gilt als die Bären-Region Italiens. Zeni erzählt von seiner Liebe und Faszination für die braunen Giganten, aber auch von unschönen Begegnungen mit ihnen, die jedoch immer glimpflich ausgegangen sind.

Da war etwa das Aufeinandertreffen mit zwei Bären während der Paarungszeit im Frühsommer. Das Bärenpaar hatte sich hinter einen kleinen Hügel zurückgezogen und wurde durch Zeni überrascht. Aus Schreck machte sich das Männchen auf und rannte auf ihn zu. «In solchen Momenten muss man Ruhe bewahren und still stehen bleiben», so Zeni. Nach einigen Momenten beruhigte sich der Bär und wendete sich ab. Später - mit sicherem Abstand - rief Zeni in den Wald: «scusate!» - entschuldigt, dass ich euch gestört habe.

Braunbären haben eine lange Geschichte in der Provinz

Braunbären haben im Trentino eine lange Geschichte. Eigentlich war ihr Schicksal in der bei Wanderern und Urlaubern beliebten Provinz in Norditalien schon vor einiger Zeit besiegelt. Der Braunbär war fast ausgestorben, aber Ende der 1990er Jahre siedelte man im Zuge des Projektes «Life Ursus» zehn Bären aus Slowenien dort an.

Inzwischen gibt es etwa 100 ausgewachsene Bären dort, wie der Direktor des Wildtierdienstes, Alessandro Brugnoli, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt. Eine genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, da die Tiere wanderfreudig sind. Doch es seien viel zu viele. Und die Anzahl der Bären wächst von Jahr zu Jahr weiter, sagt Brugnoli. Die meisten halten sich westlich des Etschtals auf. Selten trauen sich mutige - meist männliche - Tiere über die Etsch und die Bahngleise sowie unter der Autobahn durch gen Osten.

Die meisten Begegnungen verlaufen friedlich

Immer wieder kommt es zu ungewollten Begegnungen zwischen Menschen und Bären in den Wäldern des Trentino. Nur selten passiert etwas, doch es kam schon zu Zwischenfällen. Nach Angaben des Wildtierdienstes sind seit 2014 acht Bärenangriffe im Trentino verzeichnet worden. Diese sorgten in der Bevölkerung für Aufregung. Die Forderungen nach härteren Maßnahmen zur Kontrolle der Bärenpopulation wurden lauter.

Vor knapp einem Jahr kippte die Stimmung vollends. Im April vergangenen Jahres hatte die Bärin JJ4, genannt Gaia, einen 26-jährigen Jogger bei Caldes im Val di Sole attackiert und getötet. Er war im Wald auf sie und ihre Bärenjungen gestoßen. Die Bärin konnte aufgespürt und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Forstkorps gefangen werden. Der junge Jogger aus dem Trentino war der erste sogenannte Bärentote in Italien. Der Fall stelle eine Zäsur im Trentino dar, sagt Brugnoli. «Es gibt ein Davor und Danach.»

Emotionale Debatte um die Bären

Seitdem hat sich die ohnehin schon emotionale Debatte um die Bären im Trentino weiter zugespitzt. Provinzpräsident Maurizio Fugatti ordnete die Tötung von JJ4 an. Bis heute streiten sich Tierschützer und die Provinz vor Gericht um die «Problembärin», die sich in einem Tierpflegezentrum befindet. Der Ton ist harscher geworden: Fugatti und andere Provinzvertreter werden inzwischen bedroht - zum Teil mit dem Tod. Mitarbeiter des Forstkorps und des Wildtierdienstes erhalten Drohanrufe auf ihren privaten Telefonen und werden Opfer von sogenannten Mail Bombings.

Provinzpräsident Fugatti war es seit jeher mit bürokratischen Hürden möglich, einzelne Tötungen von «Problembären» anzuordnen. Nun soll ein umstrittenes Gesetz kommen, das die Tötung von bis zu acht Bären im Trentino pro Jahr ermöglicht. Man bremse so den Anstieg der Bärenpopulation und gewährleiste die Sicherheit der Menschen, hieß es von der rechten Provinzregierung. Am Montag (4. März) entscheidet der Trentiner Landtag endgültig darüber. Fugatti verfügt über eine Mehrheit im Consiglio, sodass die Verabschiedung als sicher gilt.

Provinzpräsident entscheidet über Schicksal von Problembären

Es obliegt dann allein dem Provinzpräsidenten, problematische Tiere für den Abschuss freizugeben. Von den maximal acht pro Jahr darf es sich nur um zwei erwachsene Weibchen, zwei erwachsene Männchen sowie vier Jungtiere handeln. Mit dieser Höchstquote sollen Fakten geschaffen werden. Sie soll jeweils für die Jahre 2024 und 2025 gelten - für 2026 soll eine neue festgelegt werden. 

Tierschützer kündigten bereits Widerstand gegen das neue Gesetz an. Tatsächlich gibt es auch andere Methoden zum Schutz vor Bären, wie ein «Anti-Bären-Spray», also hochdosiertes Pfefferspray. Und damit Bären nicht von Müll angezogen werden, werden vermehrt bärensichere Mülltonnen aufgestellt. Sie sind fest im Boden verankert und lassen sich nur per Knopfdruck öffnen. Denn die Bären haben gelernt, Tonnen umzuwerfen und zu plündern.

Informationskampagne für alle

Die nachhaltigste Lösung wäre laut Brugnoli jedoch eine Informationskampagne. Nicht nur für Trentiner, sondern auch für Wanderer und Urlauber, die jedes Jahr in Scharen ins Trentino kommen. Es sei für alle von Vorteil zu wissen, wie Bären im Notfall einzuschätzen sind.

Matteo Zeni und seine Kollegen vom Forstkorps stehen in dem Bären-Streit immer zwischen den Stühlen. Den einen machen sie zu viel für die Bären, den anderen zu wenig gegen sie. Dabei geht es bei der Arbeit der Behörden darum, das Zusammenleben von Mensch und Bär so friedlich wie möglich zu gestalten und eine Situation zu schaffen, in der keiner von beiden zu Schaden kommt. Es bleibt abzuwarten, ob das neue Gesetz die Koexistenz voranbringt - oder den Graben in der emotionalen Debatte noch tiefer werden lässt.


Bildnachweis: © Robert Messer/dpa
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