Empfinden wir mehr Mitgefühl für fünf in einem Tauchboot im Atlantik vermisste Männer als für Hunderte im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge? Diesen Gedanken formulieren derzeit viele Menschen in sozialen Netzwerken zu Berichten über die «Titan». Das Tauchboot war auf dem Weg zum Wrack des berühmten Luxusdampfers «Titanic», als der Kontakt zum Mutterschiff abriss. Aus Sicht der Psychologin und Neurowissenschaftlerin Grit Hein sind solche Gedankengänge durchaus nachvollziehbar. «Mitgefühl und Empathie nimmt mit gefühlter Nähe oder auch Ähnlichkeit zu einer betroffenen Person zu», sagte die Forscherin vom Uniklinikum Würzburg der Deutschen Presse-Agentur. Sie könne sich vorstellen, dass es sich für viele tatsächlich näher anfühle, zur «Titanic» in einem U-Boot aufzubrechen, als seine Heimat wegen Krieg und Hunger zu verlassen. Für andere Menschen, die selbst einen Hintergrund als Geflüchtete haben, sei das sicherlich anders. Auf Twitter schrieb ein Nutzer etwa zu dem Vorfall: «Das U-Boot-Unglück am Wrack der "Titanic" ist bitter. Wir alle hoffen noch immer, dass die Opfer lebend geborgen werden! Aber sprachlos macht mich: Wie sehr dieses Unglück unsere Öffentlichkeit umtreibt und wie egal uns gleichzeitig täglich ertrinkende Menschen im Mittelmeer sind.» Für die Psychologin Hein liegt dieser Umstand auch in der Berichterstattung begründet. «In dem Moment, wenn ich Informationen über eine Person habe, erzeugt das dieses Gefühl des Kennens, Sichnäherstehens. Und das erhöht das Mitgefühl.» Das ließe sich genausogut über entsprechende Berichterstattung über Geflüchtete erzeugen, die aber so meist nicht passiere, ist Hein überzeugt. Zugleich sagte die Forscherin: «Es gibt sicherlich das Phänomen, dass Mitgefühl sich abnutzt, und das hat teilweise natürlich auch seinen Grund.» Wenn sich schlechte Nachrichten häuften und man bei jeder Meldung im selben Umfang auch emotional mitgehen würde, würde das zum emotionalen «Burnout» führen. «Im Vergleich dazu ist diese U-Boot-Situation schon recht einzigartig, weckt erstmal die Aufmerksamkeit, und ist etwas, womit wir uns zunächst auch intensiver auseinandersetzen.» Es sei einfacher, sich in die Situation zu versetzen, in einem engen Raum eingesperrt zu sein. «Sei es auch nur in einem Fahrstuhl.» Im Gegensatz dazu sei es wahrscheinlich für viele von uns schwer vorstellbar, wie es ist, auf der Flucht zu sein und sich mit Kind und Hab und Gut auf eine Reise zu begeben. «Das ist etwas, was für viele von uns wesentlich abstrakter ist, als dieses Eingesperrt sein auf engem Raum. Auch das könne diese zunächst stärkere empathische Reaktion gegenüber diesen fünf Männern im U-Boot erklären. Twitternutzer: «Täglich ertrinken Menschen im Mittelmeer»
Psychologin: Einfacher, sich in die Situation zu versetzen
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Forscherin: Empathie mit «Titan»-Insassen nachvollziehbar
Die Anteilnahme mit den fünf Männern im verschollenen Tauchboot ist groß. Ist das angesichts Hunderter toter Flüchtlinge im Mittelmeer angebracht? Eine Psychologin hat Antworten darauf.
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