Erstmals seit vielen Jahren sind in Deutschland wieder Polio-Wildviren vom Typ 1 nachgewiesen worden. Der Erreger, der zu Poliomyelitis - der sogenannten Kinderlähmung - führen kann, sei in einer Hamburger Abwasserprobe entdeckt worden, teilte die Gesundheitsbehörde der Hansestadt mit. Die Probe wurde am 6. Oktober entnommen. Was es jetzt zu wissen gibt. «Der aktuelle Nachweis spricht dafür, dass die Viren von mindestens einer Person ausgeschieden wurden, die sich um den Zeitpunkt der Abwasserprobenahme in Hamburg aufgehalten hat», teilte das Robert Koch-Institut (RKI) mit. Da es sich um eine Sammelprobe aus Hamburg und teilweise angrenzenden Bundesländern handle, sei eine genaue örtliche Bestimmung, wo das Virus durch menschliche Ausscheidung in das Abwasser gelangte, nicht möglich, erklärte die Hamburger Gesundheitsbehörde. Der gefundene Erreger zeigt dem RKI zufolge eine starke genetische Ähnlichkeit mit einer in Afghanistan kursierenden Variante. Weil in Deutschland seit Jahrzehnten keine Polio-Fälle des Wildtyps 1 mehr gemeldet wurden. Die letzte in Deutschland erworbene Poliomyelitis-Erkrankung durch Polio-Wildviren wurde laut RKI 1990 erfasst, die letzten eingeschleppten Fälle 1992. Aktuell zirkuliert der Wildtyp des Virus laut RKI nur noch in Afghanistan und Pakistan andauernd. Einzelne Nachweise gab es in den vergangenen Jahren in Umweltproben im Iran (2019) und bei bestätigten Fällen in Malawi (2021) und Mosambik (2022). Angesichts internationaler Reisen, Migration und der Tatsache, dass der Wildtyp in einigen wenigen Ländern weiterhin vorkomme, sei der Nachweis in Hamburg nicht völlig überraschend, sagte der Professor für Molekulare Immunologie, Andreas Bergthaler, laut einem Statement. In einer Abwasserprobe. Solche Proben aus einigen deutschen Großstädten werden seit 2021 regelmäßig durch das Robert Koch-Institut (RKI) und das Umweltbundesamt auf Polio-Viren untersucht. Sie dienen als Frühwarnsystem. Untersucht wird aktuell Abwasser aus Klärwerken in München, Mainz, Köln, Bonn, Düsseldorf, Dresden, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Frankfurt am Main. Laut RKI wird das Risiko für die Bevölkerung aufgrund der hohen Impfquoten und des isolierten Nachweises im Abwasser als sehr gering eingeschätzt. Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass eine ungeimpfte Person sich ansteckt. Auch Personen mit schwerem Immundefekt sind potenziell gefährdet, wie der Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin, Christian Drosten, einmal zu Polio erklärte. Dass Geimpfte sich anstecken, sei möglich, sie entwickelten aber keine Symptome. Bislang sind dem RKI keine Erkrankungsfälle übermittelt worden. Der Name Kinderlähmung führt in die Irre, wie Virologe Thomas Mertens einmal erklärte: Menschen jeden Alters ohne Immunschutz können erkranken. Der Name entstand, weil der Erreger einst so verbreitet war, dass die Infektion meist schon im Kindesalter erfolgte. Lähmungen seien bei sehr kleinen Kindern viel seltener als bei älteren Kindern und Erwachsenen. Der Erreger ist hochansteckend und wird über Schmierinfektionen, verunreinigtes Wasser oder Lebensmittel übertragen. Erste Symptome sind Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen, Nackensteifigkeit und Gliederschmerzen. Eine von 200 Infektionen führt dem RKI zufolge bei fehlendem Immunschutz zu irreversiblen Lähmungen, meist in den Beinen. Von den Betroffenen sterben fünf bis zehn Prozent, weil ihre Atemmuskulatur gelähmt wird. Eine Heilung von Polio ist nach wie vor nicht möglich. Es gibt eine Impfung, die zuverlässig vor einer Erkrankung schützt. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sieht eine Grundimmunisierung mit drei Impfstoffdosen im Alter von 2, 4 und 11 Monaten vor. Eine einmalige Auffrischimpfung ist im Alter von 9 bis 16 Jahren vorgesehen. Für bestimmte Risikogebiete im Ausland kann zudem eine Auffrischung nach zehn Jahren sinnvoll sein. Die Impfquote liegt dem RKI zufolge im bundesweiten Mittel bei etwa 90 Prozent. In Hamburg seien zuletzt 81 Prozent der Kinder des Geburtsjahres 2021 im Alter von zwei Jahren vollständig gegen Polio geimpft gewesen, bundesweit 77 Prozent. Ja, aber es handelt sich um unterschiedliche Typen. Beim aktuellen Fall aus Hamburg handelt es sich um den Wildtyp, also natürlich vorkommende Polio-Viren. Hingegen wurden seit Ende 2024 in deutschem Abwasser Impfstoff-abgeleitete Polio-Viren des Typs 2 nachgewiesen, die auf die Schluckimpfung gegen Polio zurückzuführen sind. Die Schluckimpfung enthält abgeschwächte Impfviren, die sich vermehren und wieder aggressiver werden können. Nach der Impfung können sie ausgeschieden und verbreitet werden. Eine Verbindung zwischen den zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Polio-Viren und dem Hamburger Nachweis von Wildviren besteht nicht. Beide Typen können nach RKI-Angaben bei ungeimpften oder nicht vollständig geimpften Personen Polio auslösen.Was genau bedeutet der Nachweis?
Warum ist der Nachweis ungewöhnlich?
Wie wurde das Virus entdeckt?
Müssen Menschen jetzt Sorge haben, sich anzustecken?
Ist die Krankheit nur für Kinder gefährlich?
Wie wird Polio übertragen und welche Symptome gibt es?
Wie kann ich mich schützen?
Wurde zuletzt nicht schon mal Polio im Abwasser nachgewiesen?
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Was der Nachweis von Polio-Wildviren im Abwasser bedeutet
Eigentlich kommen Polio-Wildviren fast nur noch in Afghanistan und Pakistan vor. In Deutschland gab es für den Erreger, der zu Kinderlähmung führen können, lange keinen Nachweis - bis jetzt.
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